Fortsetung des Interviews mit Harald Siebler

Ich hab’ in einem Zeitraum von 3 ½ Jahren mit so vielen Menschen geredet, dass
es Phasen gab, da war ich menschenmüde. Wenn man ein Projekt so oft und an
so vielen Stellen erklärt und versucht, Unterstützung zu bekommen, und dabei so
oft abgelehnt, ausgelacht, angegriffen und erniedrigt wird – das ist eine Tortur, das ist wie die Tour de France, eine bestialische, eine Mörder-, eine Höllentour und ich bin alle Etappen gefahren. Und es ist wie bei der Tour de France: Die höchste Lei-stungskraft braucht man am Schluss, weil dann die höchsten Berge kommen, und
je mehr Kraft man vorher auf der Strecke gelassen hat, desto schwerer werden die Berge. Allein wenn man sich diesen Wahnsinn in der Postproduktion anguckt, wenn man so ein Ding dann zusammenfahren muss. Na ja.

Nachdem die Hälfte der Episoden gedreht war, gab es auf der Berlinale 2006 eine Veranstaltung, für die ich etwa 20 Minuten zusammen geschnitten habe, Rohmate-
rial nur, damit die Leute was zu sehen kriegen. Ich habe alle Teams unter dem
Motto: „Halbzeit“ ins Babylonkino eingeladen. Bundesjustizministerin Zypries, die
das Projekt ja unterstützte und auch mitspielt, hat da gesprochen, die Oberbürger-meisterin von Saarbrücken, andere auch und - hochinteressant - auch Volker Hassemer, ganz locker: „Ist ja jetzt Halbzeit, dann ist es ja fast geschafft, dann rollt das nur noch bergab.“ So ticken wahrscheinlich viele und denken, man muss ein-
fach etwas anschieben und dann geht alles von alleine. Ich hab da ausdrücklich widersprochen: „Ich kann das überhaupt nicht teilen, ich sehe die zweite Hälfte als viel, viel komplizierter und schwieriger.“ Und das war auch so.

Die innere Dramaturgie kann ich natürlich erklären, das ist nicht das Ding, aber ich will nicht, dass die Zuschauer geführt werden, sondern, dass sie den Weg selbst entdecken. Mein Wunsch ist, die Erwartung niedrig zu halten und sich einfach auf
den Film einzulassen. Das wäre die Herausforderung an den Zuschauer, der sonst mit Welten und Filmen konfrontiert ist, mit denen er nicht direkt etwas zu tun hat.
Wenn er mit den Ursächlichkeiten des heutigen Lebens umgeht, was in dem Film
ja der Fall ist, steht er sofort auf dem Prüfstand. Im schlimmsten Fall fühlt sich der Zuschauer angegriffen: „Was soll das? Wozu brauch ich was über Demokratie? Ich bin doch Demokrat!“ Aber ich glaube, die Neugier ist größer, je weniger man weiß. Und da sitzen so viele Leute im Boot, die nichts wissen, so dass man sich nicht schämen muss. Der erste Zuschauer im Film, der weiß auch nichts, also braucht man keine Angst zu haben.

Obwohl wir die Assoziationsketten in Büchern oder Ro-manen hier nicht mit Film ver-gleichen wollen, funktioniert dieser Film trotzdem auf eine gewisse Art und Weise
wie ein Buch. Man muss sich nämlich schon am An fang entscheiden, ob man die Reise mitgehen will. So wie bei manchen Romanen in den ersten Kapiteln, oft unter Qualen, die mentale Aufnahmebereitschaft erst her-gestellt werden muss, um den Leser an eine ganz neue Welt heranzuführen, so funktioniert auch dieser Film. Und
es kann sogar sein, dass man sich durch die ersten Kapitel durchquälen muss, um die anderen erst richtig zu verstehen und spannend zu finden. Denn normale Rezep-tions- oder Konsumhaltung kann man in diesem Film nicht einnehmen. Diese Er-wartungen werden nicht erfüllt