Fortsetung des Interviews mit Harald Siebler

Alles eine Frage der Definition: Viele Leute hören ein Wort wie ‚Kurzfilm’ und dann setzt der Verstand aus und sie können nicht über diesen Horizont hinausgucken. Genau so ‚Regisseur’ oder ‚Produzent’ - sofort ist auch das ganz klar definiert. Aber für diesen Film müssen wir neue Wörter finden, nicht ‚Kurzfilm’ sondern ‚Kapitel`.Dann wird da immer gesagt „Ja, aber Episodenfilme gibt es doch schon einen Haufen!“ Sage ich: „Das ist aber kein Episodenfilm!“Und wenn sie behaupten, das gibt es schon, dann ist das falsch, dann transportieren sie es auf eine Ebene, auf der sie es kaputt machen, weil sie dann diesen Versuch mit Füßen treten. Unverschämt! Das betrifft Menschen genau so. Wenn mich jemanden nur ‚Regisseur’ nennt, falsch! Nur ‚Produzent’, falsch! Es gibt neue Begrifflichkeiten, die sich daraus entwickeln, vielleicht gibt es den ‚Regieproduzenten’, der eben auch künstlerisch die Verantwortung trägt.

Bei so einem Projekt gilt es erst mal den Horizont zu öffnen und sich das mal an-ders anzugucken, anders zuzuhören und anders nachzudenken. Aber die verbreitete Haltung ist: Das, was Du sagst, breche ich herunter auf das, was ich verstehe. Das nenne ich Beschneidung. Und das passiert ganz oft. Deswegen hat man auch sol-che Schwierigkeiten, so ein Projekt darzustellen.

Am Anfang haben die Leute auch gedacht, ich lüge. Natürlich klingt es unglaub-würdig, wenn man sagt, wir drehen in 19 Städten, haben kein Geld und wir arbeiten auch mit 19 Teams. Das ist unglaubwürdig, wenn man die Erfahrungen gemacht hat, die diese Menschen anscheinend alle hinter sich haben. Für mich war das auch Neuland. Ich habe noch nichts produziert, das darf man ja auch nicht ver-gessen, ich bin ein Anfänger. Nicht als Regisseur, aber ein Anfänger-Produzent. Ich wage gar nicht, mich Produzent zu nennen. Ich bin Regisseur, ich hab’ so und so viele Inszenierungen gemacht und ich gehe auch als Regisseur an so ein Projekt ran. Ich bin kein wirtschaftlich denkender Mensch im Produzentensinne, ich gehe vom Inhalt aus. Aus dem Kern, dem Inhalt, der Message - aus der Auseinander-setzung, daraus resultiert alles Weitere. So war es hier die ganze Zeit, und es ist eine Riesenschwierigkeit, in Deutschland so was zu machen. Man findet kaum Unterstützung, dafür umso mehr Borniertheit und Besserwisserei.

Und es wird so bleiben. Wenn dieses Projekt einigermaßen ins Fliegen kommt, dann wird es zwei große Lager geben: Die einen werden es befürworten, die an-deren werden es verdammen. Das merkt man schon nach den ersten Vorfüh-rungen: unglaubliche Aggression bei den Leuten, die da drin sitzen und es nicht mögen. Und ganz große Begeisterung bei den Leuten, die sich darauf einlassen und es mögen. Ich sage: „Macht doch einmal den Kopf frei und guckt euch das wertfrei an! Erwartet nichts, sondern lasst euch einfach mal in den Karton setzen, der euch zwei Stunden durch die Gegend schaukelt.“ Um am Ende zu sagen, die zwei Stunden waren verlorene Zeit?! Ok, aber es gibt Schlimmeres im Leben. Oder um danach zu sagen „Diese zwei Stunden haben mein Leben verändert.“ Könnte sein. Ist schon vorgekommen, sonst würde ich das jetzt nicht sagen.

Gleich nachdem die Bücher vorlagen, fing ich an, an der Dramaturgie der Kapitel-Reihenfolge zu arbeiten. Ich habe sie gedanklich aneinander gelegt, einfach unter dem Aspekt, was passt wo und wie, gibt es einen Verbindungsgedanken, wo man den einen abholt und in den anderen überleitet? Das gab es schon auf der Basis der Bücher, die Reihenfolge stand schon vor dem Dreh fest. Im Grundgesetz gibt
es zwar die einzelnen Artikel, und die sind durchnummeriert, aber sie beziehen sich selten direkt aufeinander. Eine logische Reihenfolge gibt es daher nicht. Den Artikel 1 habe ich absichtlich an den Schluss gestellt, denn auf ihn läuft ja alles hinaus. „Die Würde des Menschen“, darauf warten ja die meisten, das ist einer der wenigen Artikel, den alle kennen, den kann man nicht an den Anfang stellen.

Es ist schwierig, über ein Thema zu erzählen, bei dem eigentlich jeder von uns Fachmann ist – wir leben das, was jetzt im Film kritisiert oder untersucht wird. Jeder hat nicht nur eine Meinung dazu, jeder hat auch einen Standpunkt, von dem aus er sein Leben betrachtet. Jetzt zu kommen und eine neue Perspektive aufzumachen
ist schwierig, denn viele Menschen wollen oder können meist nur das sehen, was sie kennen.

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