Fortsetung des Interviews mit Harald Siebler

Jetzt ist der Film fertig und ich muss mit der Erwartung umgehen, mit der die Leute in den Film gehen und die ist oft sehr konkret: „Das ist doch was für die Schulen!“
ist ein sehr beliebter Satz. Meine Antwort darauf: „Auch! Aber es ist nicht für die Schulen gemacht.“ Wenn man mit einem Stoff umgeht, bei dem etwas gelehrt oder vermittelt wird, dann scheint das automatisch in die Schule zu führen. Aber warum sollte man im Kino nicht auch mal was lernen, warum soll man nicht was mitneh-men können, was einen beschäftigt und unterhält. Warum muss das immer nur in der Schule stattfinden? Ist doch Blödsinn. Immer negativ, sofort abgewertet oder ab-gewehrt.

Warum?

Wenn man einen Köder auslegen müsste, um jemanden in den Film zu locken würde ich sagen: „Dieser Film ist eine Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart, ein unterhaltsamer, spannender Film mit vielen Haltestellen und überraschenden Situationen in den unterschiedlichsten Genres. Ich kann lachen, ich kann weinen und ich kann an tief emotionalen Momenten teilhaben. GG 19 ist ein unglaubliches Potpourri an Geschichten, Erlebnissen und Emotionen, gespielt von wunderbaren Schauspielern, die ich mir unglaublich gerne angucke und mich freue, dass es eine so große Zahl hervorragender Schauspieler in Deutschland gibt.

Das sind für mich die Kriterien, um jemanden zu überzeugen: du kannst lachen, weinen, du kannst dich gruseln, du kannst einen Blick ins Absurde tun und das
alles nebeneinander. Und wenn dir etwas nicht gefällt, kannst du ruhig sitzen bleiben, denn das Nächste könnte dir wieder gefallen. Du wirst immer aufs Neue überrascht. 19-mal hintereinander wirst du nicht wissen, was kommt oder wie lang das Kapitel ist. Du bist in einer eigenen Zeitschleife, aber die Welt hier ist sehr ab-wechslungsreich, weil es eben nicht nur einen Erzählstrang gibt. Das ist mal zum Kotzen und mal zum Jubilieren. Ich finde diese immense Fülle emotionaler Erleb-barkeit, die einem geboten wird, ist ein Argument, in diesen Film zu gehen. Unab-hängig davon, dass man da auch noch auf unterhaltsame Art und Weise die Funda-mente unseres gemeinsamen gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Le-bens kennen lernt.

Ich habe Kontakt zu den Filmschulen aufgenommen, mit den Leuten geredet und ihre Arbeiten angeschaut. Ich habe auch bei den Schauspielern recherchiert, denn ich suchte ja auch Schauspieler mit Regieambitionen. Ich habe alle Regisseure einzeln gesucht und mit jedem eine Art Casting gemacht. Wenn wir dann zusam-men gekommen sind, habe ich ihnen drei Stoffe (zu drei Artikeln) gegeben und gesagt, einen von den drei Stoffen kann ich mir vorstellen mit Dir zu machen. Pa-rallel haben wir an den Büchern weitergearbeitet und mit der Vorbereitung ange-fangen. Von einigen Regisseuren habe ich mich auch wieder getrennt. Bei einigen ging es aus zeitlichen Gründen nicht, bei anderen aus inhaltlichen. Da aber das Grundkonzept, auf das sich alle eingelassen haben von mir war, musste ich sagen, es geht nicht darum, was ihr wollt, sondern darum, was WIR wollen, also der Re-gisseur und ich, aber letztlich auf der Basis meines Konstruktes.

Das war die Verabredung, darauf musste man sich einlassen. Es hat aber auch Leute gegeben, die zu allem Ja und Amen sagten und dann, wenn es so weit war, dass man nicht mehr zurück konnte, versuchten das auszuhebeln. Eine Episode habe ich komplett neu gedreht, weil wir nicht dahin gekommen sind, wo wir hin-kommen wollten.

Wir haben zu allen Jahreszeiten gedreht: haben zweistellige Minusgrade auf dem Feld erlebt, überarbeitet, übermüdet, verfroren. Wir haben in der Sonne gelegen, wir haben Frühling erlebt und Herbst. An den verschiedensten Orten, die verschieden-sten Situationen zu den verschiedensten Jahreszeiten. Das war einfach eine ganz große Bereicherung. Das Reisen und das Kennenlernen von Menschen war eine ganz besondere Erfahrung. In den Städten kennt man ja nahezu niemanden, wenn man kommt, schon gar keinen, der dann auch noch mitarbeiten soll, auf den man sich verlassen können muss. Natürlich gibt es auch Enttäuschungen mit Menschen, die man selber in das Projekt eingeladen hat. Während der Dreharbeiten gab es auch Konflikte; aber im Verhältnis zum Aufwand und den über 1.000 Menschen, die in dieses Projekt involviert sind, war ihre Anzahl relativ gering. Das Projekt sollte ja auch keine konfliktfreie Zone sein.

Die Dreharbeiten selber waren zum größten Teil total angenehm. Es gab vielleicht zwei, drei Drehs, bei denen ich nicht sehr glücklich war und ich mich fragte, warum mach ich das? Aber das ist eigentlich wenig, wenn man bedenkt, dass es mit dem Doppeldreh und der Präambel 21 Episoden waren. Dafür gab es Drehs, die waren einfach fantastisch, die haben solchen Spaß gemacht, auch wegen der Leute, in denen man den Geist des Projektes spüren konnte, den „Geist der Demokratie“,
der da freigelassen wurde und der sich ausgebreitet hat. Viele haben wirklich ge-spürt, dass sie an etwas Besonderem arbeiten, an etwas ganz anderem. Das wa-ren schöne Erfahrungen. Auch in den Städten, in der Zusammenarbeit, in der Art
des Umgangs miteinander.

Auch die Kombination von erfahrenen und weniger erfahrenen Kräften hat sich bewährt. Natürlich hat es auch Einbrüche gegeben, aber es war einfach eine
schöne Tournee und eine wundervolle Erfahrung, dass man auch mit Kräften, die nicht so erfahren sind, viel leisten kann. Wenn man kein Geld hat, muss man ja auf vielen Ebenen viel mehr arbeiten. Und immer haben wir für alles eine Lösung ge-funden. Manpower eben.

Auch mit den Sponsoren: es ist nicht damit getan, einen Sponsor zu finden oder vier,
sondern 10 oder 20. Da muss man eben bei 100 oder 200 Türen anklopfen. Aber
wenn man den Enthusiasmus hat und an die Sache glaubt, dann geht das. Hat
man ihn nicht, dann geht’s auch nicht. So einfach ist das.

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